Die Nikolaikapelle in Hannover – Beispiel für den Umgang mit alten Friedhöfen

Vor der ersten Welle der Friedhofsverlegungen im Verlauf des 16. Jahrhunderts wurden Verstorbene im Umkreis der Kirche auf dem Kirchhof oder vereinzelt auch in einer privilegierten Grabstätte direkt in der Kirche bestattet, wobei das Bestattungswesen fest in kirchlicher Hand war. Doch viele Umstände der Stadtentwicklung zwangen oft zu einem besonderen Umgang auch mit Friedhöfen als Ganzem. Der ausgedehnte alte Nikolaifriedhof von Hannover, im 13. Jahrhundert noch vor der Stadt bei der Nikolaikapelle angelegt, wurde im 19. Jahrhundert zum vielfach zerteilten Parkgelände in der Innenstadt. Und auch im 21. Jahrhundert kommt er nicht aus den Schlagzeilen als beim Umbau der Innenstadt der wenig sensible Umgang von Bauarbeitern mit den Resten Verstorbener für Diskussionen sorgt.

Doch wie hat sich allgemein der Umgang mit Toten, mit Friedhöfen über die Jahrhunderte verändert? Das Dasein der Verstorbenen endete nach mittelalterlichem Verständnis keinesfalls mit dem Tod: Man glaubte vielmehr an eine Weiterexistenz der Toten und „ging von einer gegenseitigen Einflussnahme aus“. Seitdem sich im 13. Jahrhundert der Glaube an das Fegefeuer als Zwischenstation zwischen dem Tod und dem Eingehen ins Paradies verbreitete, sollten Fürbitten, Gebete und Seelenmessen der Überlebenden die Qual im Fegefeuer für die Verstorbenen verkürzen – dabei wurde angenommen, dass die Verstorbenen, sind sie einmal im Paradies für diejenigen beten, die ihnen aus dem Fegefeuer herausgeholfen haben. Dieser Glaube zeugt von der großen Bedeutung der Sorge um die Verstorbenen als Aufgabe und Liebespflicht der christlichen Glaubensgemeinde.

Auch die Lage des Kirchhofs inmitten der Besiedlung belegte die stete Gegenwart der Toten. Erstrebenswert war die Bestattung in möglichst großer Nähe zum kirchlichen Altar: Während auf dem Kirchhof längst nicht alle Verstorbenen bestattet wurden, entwickelte sich die ursprünglich nur Geistlichen zugebilligte privilegierte Grabstätte direkt in der Kirche trotz mehrfacher Verbote zum käuflichen Statussymbol für die weltlichen Oberschichten. Religiöse Elemente vermischten sich mit dem gesellschaftlichen Bedürfnis nach öffentlicher Repräsentation.

Innerhalb der Begrenzung durch die Friedhofsmauern wurden die Toten in mehr oder weniger planlos ausgehobenen Gruben – wo gerade Platz war – bestattet, das einzelne Grab war eher ein Privileg als die Regel. Ein Anspruch auf eine Ästhetik der Gestaltung der Kirchhöfe und der Gräber wurde nicht erhoben, denn nicht das Grab war der Ort der Trauer. Die Kommunikation mit den Verstorbenen orientierte sich vielmehr an der Kirche als Zentrum.

Dementsprechend fand damals weder die heute weit verbreitete Grabkennzeichnung noch Grabpflege oder Grabmalgestaltung statt – der alte Kirchhof glich eher einer holprigen Wiese mit Grabhügeln und tiefen Mulden. Auf eine sehr eigene Weise hat sich so ein wenig der Kreis zwischen den mittelalterlichen Kirchhöfen und dem aktuellen Zustand des Nikolaifriedhof in Hannovers Innenstadt geschlossen.

Aufgrund der beengten räumlichen Verhältnisse auf den Kirchhöfen mussten in vergangenen Jahrhunderten die Gräber übrigens oftmals bereits nach fünf bis zehn Jahren für die nächste Bestattung geräumt werden. Die verbliebenen Überreste – in diesem Zeitraum sind Schädel und größere Knochen noch nicht vergangen – wurden platzsparend in so genannten Beinhäusern zweitbestattet. Etwas, was den Verstorbenen des Friedhofs um die Nikolaikapelle zumindest weitgehend erspart blieb.