Friedhöfe als Lebensraum: Welche Rolle Hannovers Grabstätten für die Artenvielfalt spielen
Friedhöfe als Lebensraum zu begreifen, verschiebt den Blick auf Orte, die zunächst allein mit Abschied und Erinnerung verbunden werden. In Hannover treten sie zugleich als innerstädtische Grünflächen in Erscheinung, deren Bedeutung für Natur und Artenvielfalt über die kulturelle Funktion hinausreicht. Wie eng Trauerort und Naturschutz zusammenhängen, hat das Projekt „Ökologische Nische Friedhof“ des BUND Niedersachsen sichtbar gemacht, das von 2017 bis 2020 auf vier großen Friedhöfen in Niedersachsen umgesetzt und von der Niedersächsischen Bingo-Umweltstiftung gefördert wurde.
Ausgewählt wurden dafür der Parkfriedhof Junkerberg in Göttingen, der Waldfriedhof Lüneburg, der Stadtfriedhof Braunschweig sowie der Stadtfriedhof Stöcken in Hannover. Das Projekt setzte an Stellen an, an denen der Bezug zum Naturschutz auf den ersten Blick nicht offensichtlich ist: bei der Pflege der Grünflächen, der Grabgestaltung und der Bepflanzung. Der BUND beschreibt Friedhöfe als ökologisch wertvolle Inseln im urbanen Raum – als Flächen, die Lebensräume bewahren, die andernorts durch Bebauung, Versiegelung und intensive Nutzung verschwinden.
Der ökologische Wert solcher Flächen lässt sich beziffern. Nach Angaben des BUND kommen in Städten mitunter 50 bis 90 Prozent der Wildbienenarten einer Region vor, und etwa zehn Prozent der wildwachsenden Farn- und Blütenpflanzen auf Friedhöfen zählen zu den seltenen oder gefährdeten Arten der Roten Liste. Besonders historische Friedhöfe mit altem Baumbestand gehören damit zu den artenreichsten bebauten Flächen einer Stadt. Für Wildbienen sind sie deshalb wichtig, weil sich dort Nistmöglichkeiten, Blüten und geschützte Bereiche auf engem Raum verbinden.
Die konkreten Maßnahmen des Projekts blieben überschaubar und wirkten dennoch: Aus häufig gemähten Rasenflächen entstanden extensiv gepflegte, blütenreiche Wildblumenwiesen, aus Randbereichen Blühstreifen mit heimischen Pflanzen. Hinzu kamen Totholz, Nisthilfen und Schulungen für Friedhofsgärtnerinnen und -gärtner, die ihre Pflege an den Bedürfnissen bedrohter Arten ausrichteten. Für dieses Vorgehen erhielt das Projekt mehrere Auszeichnungen, darunter 2018 den Nachhaltigkeitspreis des Regionalen Netzwerks für Nachhaltigkeitsstrategien, 2019 den #beebetter-Award und 2020 die Anerkennung als Projekt der UN-Dekade Biologische Vielfalt.
Auch die Stadt Hannover ordnet ihre Friedhöfe der Garten- und Parklandschaft zu. Auf den städtischen Seiten wird der historische Gartenfriedhof als grüne Oase inmitten der dicht besiedelten Innenstadt geführt; einzelne historische Anlagen wie der Alte St.-Nikolai-Friedhof gelten als Gartendenkmal und stehen unter Denkmalschutz. Damit erfüllen diese Flächen neben ihrer kulturellen und historischen Funktion eine Aufgabe innerhalb der städtischen Infrastruktur, die zur Aufenthaltsqualität beiträgt.
Ein Friedhof, der zugleich als Teil des städtischen Ökosystems gelesen wird, gewinnt einen Wert, der über den Anlass des Besuchs hinausreicht. In einer dicht bewohnten Stadt wie Hannover verbindet diese Sichtweise Erinnerungskultur mit ökologischer Verantwortung: Der Erhalt bestehender Friedhofsflächen sichert nicht nur Orte des Gedenkens, sondern fördert Biodiversität, Klima-Resilienz und Aufenthaltsqualität gleichermaßen – und lässt Stadtentwicklung und Naturschutz an ein und demselben Ort zusammendenken.
Foto: Ralf Müller
Ralf Müller | Cordes Bestattungen Hannover