Aufgelassene Friedhöfe in Hannover: Grabmale, Parks und Stadtgeschichte
Die aufgelassenen Friedhöfe in Hannover liegen mitten in der Innenstadt: der St.-Nikolai-Friedhof an der Goseriede, der Neustädter Friedhof an der Brühlstraße und der Gartenfriedhof an der Marienstraße. Auf keinem von ihnen wird seit rund 150 Jahren noch bestattet. Alle drei wurden nach ihrer Schließung in öffentliche Grünanlagen umgewandelt, ohne dass der Friedhofscharakter verloren ging. In der Nordstadt kommt der Alte Jüdische Friedhof an der Oberstraße hinzu, ein Ort, der nach jüdischem Religionsgesetz niemals aufgelassen werden darf.
Der älteste ist der St.-Nikolai-Friedhof. Er entstand vermutlich in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts außerhalb der Stadtmauer vor dem Steintor, zusammen mit einem Hospital, in dem an Lepra erkrankte Menschen isoliert wurden. Ab dem 15. Jahrhundert diente er als Begräbnisplatz für die Bewohner der Altstadt und musste bis 1824 viermal erweitert werden. Als 1866 der Neue St.-Nikolai-Friedhof in der Nordstadt eröffnete, wurde die alte Begräbnisstätte aufgegeben. Die Stadt kaufte Friedhof und Kapelle 1890. Stadtgartendirektor Julius Trip ließ das Gelände anschließend zum Park umgestalten. Im Zweiten Weltkrieg wurden viele Grabmale zerstört und die St.-Nikolai-Kapelle schwer beschädigt. Ihr erhaltener Chorraum gilt heute als ältestes Bauwerk der Stadt. Beim Wiederaufbau zerschnitt 1953 die weitergeführte Celler Straße die Anlage, und ein Drittel der historischen Fläche ging verloren. Von einst 647 Grabdenkmälern sind 278 geblieben. Südlich der Kapelle stehen 27 künstlerisch wertvolle Grabsteine aus dem 17. bis 19. Jahrhundert in einem Lapidarium beisammen. Auch der Dichter Ludwig Christoph Heinrich Hölty, der 1776 mit 27 Jahren in Hannover starb, wurde hier beigesetzt. Sein Grab ist nicht erhalten. Seit 1901 erinnert unweit der Kapelle ein Denkmal mit der Bronzefigur eines trauernden Jünglings an ihn. 1987 wurde der ehemalige Friedhof unter Denkmalschutz gestellt.
Der Neustädter Friedhof wurde 1646 angelegt. Er war die Begräbnisstätte der gehobenen Bevölkerung der Calenberger Neustadt, der Hofbediensteten und der Militärangehörigen. 1876 war seine Kapazität erschöpft, 1900 erwarb ihn die Stadt. Bauprojekte der Nachkriegszeit ließen die Fläche um mehr als zwei Drittel auf rund 5.000 Quadratmeter schrumpfen. Unter den 171 verbliebenen Grabsteinen befinden sich die des Arztes und Schriftstellers Johann Georg Zimmermann, ab 1768 Leibarzt des britischen Königs Georg III. in Hannover, und des Komponisten Heinrich Marschner. Seltenheiten sind die osmanischen Grabmale der beiden Hoflakaien Hammet und Hassan.
Der Gartenfriedhof wurde 1741 vor dem Aegidientor zunächst für die „Gartenleute“ angelegt, die dort Acker- und Gemüsebau betrieben. Bald ließen sich hier auch Bürgerfamilien, Hofbeamte, Minister und Professoren bestatten. Bis zur Schließung 1864, als der neue Stadtfriedhof Engesohde seine Aufgabe übernahm, fanden rund 12.000 Beisetzungen statt. Hier ruhen die Astronomin Caroline Herschel, beigesetzt 1848, und Charlotte Kestner, geborene Buff, Goethes Vorbild für die Lotte in „Die Leiden des jungen Werthers“. Ihr Grabmal gestaltete Hofbaumeister Georg Ludwig Friedrich Laves, der mit ihrer Enkelin Wilhelmine verheiratet war. Laves selbst wurde 1864 zunächst ebenfalls auf dem Gartenfriedhof bestattet und 1880 nach Engesohde umgebettet. Sein dortiger Gedenkstein folgt dem Entwurf, den er für das Grabmal von Charlotte Kestner gezeichnet hatte.
Bekanntestes Grabmal ist das „Geöffnete Grab“ der 1782 verstorbenen Henriette Juliane Caroline von Rüling. Laut Inschrift durfte das auf ewig erkaufte Begräbnis nie geöffnet werden. Dennoch sprengte ein Baum, der aus der Grabstätte wuchs, das Grabmal auf. 2010 wurde die abgestorbene Birke gefällt und das Grabmal wiederhergestellt. Von den drei aufgelassenen Friedhöfen der Innenstadt hat der Gartenfriedhof Krieg und Wiederaufbau am besten überstanden: Fast alle seiner 364 Grabsteine stehen noch an ihrem ursprünglichen Platz.
Eine andere Geschichte erzählt der Alte Jüdische Friedhof an der Oberstraße. Er wurde 1550 eingerichtet und diente den hannoverschen Juden bis 1864, als der Friedhof An der Strangriede eröffnet wurde. Auf dem von einer hohen Mauer umgebenen Dünenhügel sind mehr als 700 Grabsteine erhalten, der älteste von 1654. Die Form des Hügels entstand durch Bestattungen in mehreren Schichten, bei denen ältere Grabsteine versetzt wurden, um das Gedenken zu bewahren. Nach jüdischem Verständnis ist das Grab ein „Haus der Ewigkeit“ (Beit Olam): Die Totenruhe ist unbefristet, und Gräber werden weder eingeebnet noch neu belegt. Der Friedhof ist daher geschlossen, nicht aufgelassen. Er gilt als ältester erhaltener jüdischer Begräbnisplatz im norddeutschen Raum, gehört heute dem Landesverband der Jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und kann bei Führungen besichtigt werden.
Auf kommunalen und kirchlichen Friedhöfen gilt dagegen eine begrenzte Ruhezeit. Die jeweilige Friedhofssatzung legt sie fest, meist auf 20 bis 30 Jahre. Wird das Nutzungsrecht danach nicht verlängert, kann die Grabstätte abgeräumt und neu vergeben werden. Soll ein ganzer Friedhof aufgegeben werden, wird er zunächst für neue Bestattungen geschlossen. Entwidmet werden darf er erst, wenn die Ruhefrist der letzten Beisetzung abgelaufen ist. Hannovers aufgelassene Friedhöfe zeigen, was danach bleiben kann: denkmalgeschützte Grabmale, alter Baumbestand und Grünflächen, die als Teil der Stadtgeschichte gepflegt werden.
Ralf Müller | Cordes Bestattungen Hannover