Moderne Bestattungskultur: Wandel der Rituale und neue Wege des Abschieds
Die moderne Bestattungskultur befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel. Was früher als starres Regelwerk galt, öffnet sich zunehmend für individuelle Gestaltungsmöglichkeiten und persönliche Formen des Gedenkens. Ein Bestatter aus Hannover-Linden, der regelmäßig an Schulen über seinen Beruf spricht, zeigt eindrücklich, wie vielfältig Abschiednahme heute sein kann – und dass das Sprechen über den Tod keineswegs bedrückend sein muss.
Traditionelle Erdbestattungen bleiben zwar Teil des Angebots, doch selbst sie sind nichts für die Ewigkeit. Je nach Friedhof beträgt die Ruhezeit zwischen 15 und 35 Jahren, bevor ein Grab neu belegt wird. Bei solchen Neubelegungen kommen mitunter persönliche Grabbeigaben zum Vorschein – von Herzschrittmachern bis hin zu Sonnenbrillen, die Angehörige ihren Verstorbenen mitgegeben haben. Solche Funde erzählen Geschichten von Menschen, die auch im Tod ihre Persönlichkeit bewahren wollten.
Die Möglichkeiten der Gestaltung haben sich in den vergangenen Jahren erheblich erweitert. Eine Trauerfeier muss längst nicht mehr in einer Kirche oder Kapelle stattfinden. Bestatter berichten von Radtouren, bei denen die Urne gemeinsam mit Angehörigen vom Krematorium abgeholt wurde – mit Zwischenstopp am Lieblingsrastplatz des Verstorbenen, Mitbringbüfett und gemeinsamen Erinnerungen. Andere Familien organisieren Abschiede in Cafés, bei denen Kinder spielen, Gäste den Sarg bemalen und Angehörige musizieren. Der Ort und die Form des Abschieds richten sich nach dem Leben, das gefeiert werden soll.
Auch international entstehen neue Praktiken. In London werden aus menschlicher Asche Schallplatten gepresst, in der Schweiz Diamanten hergestellt. In den USA lassen sich Menschen Tattoos mit der Asche ihrer Angehörigen stechen oder nutzen sie für Gemälde. Selbst Todesanzeigen werden zum kreativen Ausdruck: Die Anzeige eines 2012 verstorbenen Techno-DJs, gestaltet von einem Comiczeichner, zeigt den Musiker mit Plattentasche und dem Satz „I play my next gig in another dimension“.
Neue Entwicklungen wie Särge aus Pilzfasern, die sich besonders schnell zersetzen, oder die sogenannte Reerdigung – bei der der Körper in einem Bioreaktor zu Humus wird – stoßen in Deutschland allerdings an rechtliche Grenzen. Das Bestattungsgesetz kennt viele dieser Sonderfälle nicht, sodass manche Wünsche bis ins Ministerium getragen werden müssen, ohne Erfolg zu haben.
Die Auseinandersetzung mit dem Tod verliert durch diese Entwicklungen ihren Schrecken. Wenn Bestatter an Schulen von ihrer Arbeit erzählen, von Verwesungsprozessen und Autolyse, aber auch von bunten Abschiedsfeiern und persönlichen Ritualen, wird deutlich: Der offene Umgang mit der Endlichkeit kann befreiend wirken. Die moderne Bestattungskultur bietet Raum für Trauer, Erinnerung und Individualität – weit über schwarze Kleidung und gedämpfte Orgelmusik hinaus.
Quelle: HAZ.de / Foto: Screenshot
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