Die Bestattung im Mittelalter

Vor der ersten Welle der Friedhofsverlegungen im Verlauf des 16. Jahrhunderts wurden Verstorbene im Umkreis der Kirche auf dem Kirchhof oder vereinzelt auch in einer privilegierten Grabstätte direkt in der Kirche bestattet, wobei das Bestattungswesen fest in kirchlicher Hand war (vgl. Sörries 2009a: 47). Das Dasein der Verstorbenen endete nach mittelalterlichem Verständnis keinesfalls mit dem Tod: Man glaubte vielmehr an eine Weiterexistenz der Toten (vgl. Nölle 2003: 76; Sörries 2009a: 73 f.) und „ging von einer gegenseitigen Einflussnahme aus“ (Assig 2007: 43). Seitdem sich im „13. Jahrhundert der Glaube an das Fegefeuer als Zwischenstation zwischen dem Tod und dem Eingehen ins Paradies verbreitete“ (Nölle 2003: 90), sollten Fürbitten, Gebete und Seelenmessen der Überlebenden die Qual im Fegefeuer für die Verstorbenen verkürzen (vgl. Nölle 2003: 76; Assig 2007: 43); dabei wurde angenommen, dass die Verstorbenen, „sind sie einmal im Paradies, […] für diejenigen beten, die ihnen aus dem Fegefeuer herausgeholfen haben“ (Nölle 2003: 85 zit. n. LeGoff 1990:338). Dieser Glaube zeugt von der großen Bedeutung „familiärer Gemeinschaften für Leben und Tod“ (Nölle 2003: 85 zit. n. LeGoff 1990: 338) sowie der Sorge um die Verstorbenen als „Aufgabe und Liebespflicht der christlichen Glaubensgemeinde“ (Assig 2007: 43 zit. n. Richter 1990: 11). Auch die Lage des Kirchhofs inmitten der Besiedlung „belegte […] die stete Gegenwart der Toten“ (Fischer 2001: 6). Erstrebenswert war die Bestattung „in möglichst großer Nähe zum kirchlichen Altar“ (Fischer 2001: 4): Während auf dem Kirchhof längst nicht alle Verstorbenen bestattet wurden (vgl. Fischer 2001: 5; Sörries 2009a: 47), entwickelte sich die ursprünglich nur Geistlichen zugebilligte privilegierte Grabstätte direkt in der Kirche „trotz mehrfacher Verbote zum käuflichen Statussymbol für die weltlichen Oberschichten. Religiöse Elemente vermischten sich mit dem gesellschaftlichen Bedürfnis nach öffentlicher Repräsentation“ (Fischer 2001: 4 f.; vgl. Sörries 2009a: 61).

Innerhalb der Begrenzung durch die Friedhofsmauern wurden die Toten in „mehr oder weniger planlos ausgehoben[en Gruben; S.C.] […], wo gerade Platz war“ (Sörries 2009a: 39) bestattet, „das einzelne Grab war eher ein Privileg als die Regel“ (Sörries 2009a: 49). Ein Anspruch auf eine Ästhetik der Gestaltung der Kirchhöfe und der Gräber wurde nicht erhoben, „denn nicht das Grab war der Ort der Trauer“ (Sörries 2009a:50); die liturgischen Handlungen, über die eine Kommunikation mit den Verstorbenen stattfand, orientierten sich vielmehr an der Kirche als kultischem Zentrum (vgl. Assig 2007:43). Dementsprechend fand weder die heute weit verbreitete Grabkennzeichnung noch Grabpflege oder Grabmalgestaltung statt (vgl. Assig 2007: 44), der Kirchhof glich eher einer holprigen Wiese mit Grabhügeln und tiefen Mulden (vgl. Sörries 2009a: 49). Aufgrund der beengten räumlichen Verhältnisse auf den Kirchhöfen mussten die Gräber oftmals bereits nach fünf bis zehn Jahren für die nächste Bestattung geräumt werden (vgl. Sörries 2009a:53). Die verbliebenen Überreste – in diesem Zeitraum sind Schädel und größere Knochen noch nicht vergangen – wurden platzsparend in sogenannten Beinhäusern zweitbestattet (vgl. Sörries 2009a: 53 f.).

 

Dieser Text ist stammt aus der Bachelorarbeit von Sven Friedrich Cordes „’Ich will ja niemandem zur Last fallen!’ Sozialwissenschaftliche Perspektiven auf die Ökonomisierung im Bestattungswesen“ (Leibniz Universität Hannover, 2012). Für Rückfragen und Anmerkungen zu diesem Artikel nutzen Sie bitte das Kontaktformular.

Quelle: Sven Friedrich Cordes, 2012, „Ich will ja niemandem zur Last fallen“, München, GRIN Verlag GmbH. Textvorschau bei Google Books.

Literaturverzeichnis:

  • Assig, Sylvie 2007: Waldesruh statt Gottesacker. Der Friedwald als neues Bestattungskonzept. Eine kulturwissenschaftliche Spurensuche. Ibidem, Stuttgart.
  • Fischer, Norbert 2001: Die Geschichte des Todes in der Neuzeit. Erfurt (Da das Werk vergriffen ist, habe ich den Text aus folgender Quelle kopiert: http://www.n- fischer.de/tod_geschichte.html und zur besseren Wiederauffindbarkeit der einzelnen Textstellen an folgendem Ort als PDF-Dokument abgelegt: http://db.tt/DOTOpC3Y).

  • LeGoff, Jacques 1990: Die Geburt des Fegefeuers. Vom Wandel des Weltbildes im Mittelalter. München.

  • Nölle, Volker 2003: Vom Umgang mit Verstorbenen. Eine mikrosoziologische Erklärung des Bestattungsverhaltens. 2. Auflage. Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal e. V., Kassel.
  • Richter, Klemens 1990: Der Umgang mit Toten und Trauernden in der christlichen Gemeinde. Eine Einführung. In: Richter, Klemens (Hrsg.): Der Umgang mit den Toten: Tod und Bestattung in der christlichen Gemeinde. Freiburg i.Br. 1990, 9–26.
  • Sörries, Reiner 2009a: Ruhe sanft. Kulturgeschichte des Friedhofs. Butzon & Becker, Kevelaer.